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Zum Program Mozart-Jubiläumskonzert zum 250 Geburtstag
Mozarts Kirchenmusik mit historischen Instrumenten
Festliche Musik im Salzburger Dom
„Kirchenmusik war das Lieblingsfach Mozarts. Aber er konnte sich ihr am
wenigsten widmen.“ Diese erstaunliche Bemerkung über einen Komponisten, der in
erster Linie als Meister von Oper, Sinfonik, Konzert und Kammermusik gilt,
stammt von seinem ersten Biograf Franz Xaver Niemetschek aus dem Jahr 1798.
Welche Entwicklung hätte die Kirchenmusik genommen, wenn Mozart noch Zeit
geblieben wäre, die Stelle bei St. Stefan in Wien anzutreten?
Die beiden großen, für den Salzburger Dom bestimmten Vespern KV 321 und KV
329 für Soli, Chor und Orchester gehören unbestritten zu den Höhepunkten in
Mozarts Kirchenmusik. Sie sind 1779 und 1780 entstanden, also kurz vor dem
endgültigen Bruch mit seinem Salzburger Dienstherrn und der Übersiedlung nach
Wien. Es ist eine prächtige, feierliche, zarte und zugleich kraftvolle Musik,
die den längst auf der Höhe seiner Meisterschaft stehenden Komponisten, der in
allen europäischen Musikstilen zuhause ist, zeigt.
Das Programm wird ergänzt mit drei Motetten des von Mozart hochgeschätzten
Kollegen Michael Haydn, dessen 200. Todestags dieses Jahr ebenfalls zu gedenken
ist. Besetzung: Undine Holzwarth (Sopran) und Fabian Wöhrle (Tenor), Solisten
aus den Reihen des Göppinger Kammerchors sowie das Lukas-Barockorchester
Stuttgart auf historischen Instrumenten der Mozart-Zeit. Die Leitung hat
Hans-Eugen Ekert, Stuttgart.
Zum Programm des Carissimi-Konzertes 2005 Kurzüberblick
Am 18. April vor 400 Jahren wurde Giacomo Carissimi geboren. Am Vorabend
seines Geburtstagsjubiläums veranstaltet der Göppinger Kammerchor in der
Oberhofenkirche ein Konzert mit Carissimis Oratorien „Jephte“ und der „Historia
di Abraham et Isaac“ sowie mit Vertonungen zu Psalm 116 von Michael Praetorius,
Melchior Frank und Johann Hermann Schein.
Auch wenn der Name heutzutage eher selten in Konzertprogrammen zu finden ist:
Giacomo Carissimi (18.04.1605-12.01.1674) gehört zu den ganz
Großen seiner Zeit. Seine Oratorien zählen zu den Vorläufern der berühmten
Oratorien Händels und Haydns. Abschriften seiner Musik wurden nach seinem Tod
auf Befehl des Papstes streng unter Verschluss gehalten und als besondere
Kostbarkeiten gehütet. Was man an Carissimis Musik so schätzte, war ihre
Gefühlstiefe und ihre Kraft, die Herzen der Hörer zu bewegen. Der
Universalgelehrte Athanasius Kircher zitierte deswegen das „Lamentamini“ aus
„Jephte“ als besonders sprechendes Beispiel in seiner „Musurgia universalis“
Die alttestamentarische Geschichte des „Jephta“ ist
archaisch und grausam: Jephte verspricht Jahwe ein Opfer, falls dieser ihm zum
Sieg über die Ammoniter verhilft: Das erste Wesen, das ihm bei seiner Heimkehr
entgegenkommt, soll auf dem Opferaltar sterben. Jephte kehrt siegreich heim, und
in der Tür seines Hauses begegnet ihm: Sein einziges Kind, seine Tochter!
Als theologisches Gegengewicht erklingt daher im Programm auch das
Carissimi-Oratorium „Historia di Abraham et Isaac“: Hier
verhindert Gott das Menschenopfer in letzter Sekunde.
Um Gelübde und ihre Folgen geht es auch in der sogenannten
„Großmann-Sammlung“: Ein reicher Kaufmann (Großmann) gab im 17. Jahrhundert
Vertonungen des Psalms 116 bei sechzehn berühmten Komponisten seiner Zeit in
Auftrag, nachdem Gebete ihn im Jahre 1616 aus einer bedrängenden Notlage
gerettet hatten. Selbstredend war es Komponisten wie Johann Herman
Schein, Melchior Frank, Michael Praetorius und auch Heinrich
Schütz eine Ehre und ein künstlerischer Ansporn, in diese Sammlung
aufgenommen zu werden und sich in der Kunst der Psalmvertonung mit den anderen
zu messen!
Zum Programm Carissimi: Musikwissenschaftliche Hintergründe
Von Brigitte Schwarz-Stambke
Die alttestamentarische Geschichte „Jephta“ ist schrecklich und
archaisch. Der Stammesführer Jephte verspricht Jahwe ein Opfer, falls dieser ihm
den Sieg über die Ammoniter gewährt: Das erste Wesen, das ihm zu Hause
entgegenkommt, soll für Gott auf dem Opferaltar sterben. Nach der siegreichen
Schlacht kehrt Jephte heim, und in der Tür seines Hauses begegnet ihm: seine
Tochter und einziges Kind!
Die Musik ist zauberhaft und ergreifend. Die Klage über den Tod der Tochter
gehörte zu den berühmtesten Werken seiner Zeit und wurde von Athanasius Kircher
mit folgendem Kommentar in die „Musurgia universalis“ aufgenommen: Carissimi sei
ein Komponist, der „besser als alle andern den Geist seiner Hörer in jeden
gewünschten Affekt zu versetzen” wusste.
Musikästhetik
Kirchers Vorstellung ist die einer Lehre der Gefühlsübertragung durch Musik,
die zunächst von einfach zu manipulierenden Ursache-Wirkungs-Schemata auf
materiell-mechanistischer Basis ausgeht: „Die Zahlhaftigkeit der
musikalischen Verhältnisse bewirkt die Bewegungskraft der Töne und steht in
einer sympathischen oder antipathischen Beziehung zu den Temperamenten des
zuhörenden Menschen. Die Wahrnehmung durch die Sinne aktiviert die Lebensgeister
des Menschen und bringt ihn schließlich zum Klagen und Weinen, zum Jubeln oder
Frohlocken“[1]
Das heißt dann konkret: Dieses Intervall, jene Dissonanz, diese Tonstärke und
jenes Tempo rufen im Hörer in Verbindung mit dem Text das gewünschte Gefühl
hervor. Ob Liebe, Trauer, Klage, Fröhlichkeit oder Frohlocken, blinde Wut,
Unwillen, Mitleid oder Schmerz, Furcht, Dreistigkeit oder Verwunderung: Alles
ist mit dem richtigen Gebrauch der musikalischen Mittel darstellbar und
erzeugbar. Carissimi war für Kircher das Paradebeispiel für die meisterhafte
Beherrschung jener mechanistischen Gefühlsklaviatur.
Eine solche Affekterzeugungstechnik ist uns heute fremd – Musikerleben ist
individualisiert und subjektiv. Weitaus näher scheinen uns Äußerungen aus der
Zeit der Romantik wie: „Die Musik schließt dem Menschen ein unbekanntes Reich
auf; eine Welt, in der er alle durch Begriffe bestimmbaren Gefühle zurücklässt,
um sich dem Unaussprechlichen hinzugeben.“[2] Was in
der Romantik als nicht mehr beschreibbare Erfahrung einer universalen
Transzendenz gilt, ist bei Carissimi schlichtes Handwerk.
Das Geheimnis Carissimis ist, dass diese Musik über die Jahrhunderte
hinweg ihre Lebendigkeit und ihre „Wirksamkeit“ erhalten hat. In der Kunst
seiner Zeit steckt ein uraltes Wissen um die Sinnenhaftigkeit und die leiblichen
Bedingungen des Hörens. Die wirklich reine Terz der damals verwendeten Stimmung
wird auch in heutiger Zeit als wohltuend und entspannend empfunden, Dissonanzen
dagegen sind körperlich wahrnehmbare Energieträger und Keimzellen der
frühbarocken Musik.(Anm. von mir: Warum sind die Dissonanzen die Keimzellen der
frühbarocken Musik? So dissonant ist die i.d.R. doch nicht. Sind nicht auch die
re Dazu kommt bei Carissimi eine der Oper entlehnte Lebhaftigkeit der
Textgestaltung, die manche Musikforscher auch als Beitrag zur Säkularisierung
der Kirchenmusik interpretieren. Seine Oratorien gelten als Vorläufer der großen
Oratorien Händels und Haydns. Aber ganz unabhängig von solchen
musikgeschichtlichen Kategorien ist „Jephte“ ein einmaliges Werk von ganz
eigener Tiefe. Fast scheint es, als habe Carissimi zum grausamsten Stoff
gegriffen, um im Abgrund menschlichen Leids Musik von überirdischer Schönheit zu
schaffen.
Das Gelübde
Ein ganz besonderes Gelübde steckt hinter der sogenannten
„Großmann-Sammlung“, die Vertonungen des Psalms 116 von insgesamt
sechzehn Komponisten umfasst. Der Kaufmann Großmann gab die Kompositionen in
Auftrag „wegen einer sonderbahren grossen Wolthat/ und wunderlichen Errettung
Gottes/ so er mir im Jahre 1616. recht nach dem 116. Psalm Davids/ aus
Väterlicher Gnade/ Güte und Barmhertzigkeit erwiesen (...).“ Großmann nimmt
die Jahreszahl der „Errettung“ als Wink und findet in Psalm 116 die passenden
Worte, seinen Dank auszudrücken: „Ich will dem Herrn meine Gelübde
bezahlen...“
Damit schließt sich der inhaltliche Kreis des vorliegenden Programms: Vom
archaischen Menschenopfer in „Jephte“ über die Gehorsamsprüfung an
Abraham durch die erst verlangte, dann jedoch verhinderte Opferung seines Sohnes
Isaac in der „Historia di Abraham et Isaac“ hin zum musikalischen
Dankopfer, wie es die Großmann-Sammlung darstellt.
Als guter Kaufmann listet Großmann übrigens mit Geschick seine Ausgaben und
den Ärger, durch die Verzögerung des Drucks der Sammlung auf und benennt im
Anschluss die theologischen Argumente, die einen eventuellen Gewinn daran
rechtfertigen: Genannt wird die Geschichte von Hiob („...da bezahlete ihm Gott
den Rest seiner Wahre/und seine hertzliche Dancksagung noch so schwer/ und gab
ihm zwiefältig so viel/als er zuvor gehabt hatte.“) und die Geschichte von der
Speisung der Fünftausend. Fazit: „Wo man Gott für sein Wolthat danckt/ Da
bleibt kein Dancken/ unverdanckt: Denn je mehr man Gott danckt lobt/ ehrt/ Je
mehr er gibt/ schenckt und beschert.“
Die Musikforschung
Für die Forschung ist die Großmann-Sammlung eine Quelle von einzigartigem
Wert. Sechzehn Komponisten einer Generation, darunter die berühmtesten, von
unterschiedlicher Herkunft, mit unterschiedlicher Ausbildung, aber aus einem
geografisch begrenzten und kulturell homogenen Kontext präsentieren sechzehn
unterschiedliche Lösungen der musikalischen Darstellung eines Textes. So
entfaltet sich ein weites Spektrum kompositorischer Techniken, Stile, formaler
Konzeptionen, melodischer, rhythmischer und harmonischer Eigenarten. Zu den
Werken des Programms können hier nur Stichworte genannt werden:
Melchior Franck (1579-1639) variiert die vorgegebene fünfstimmige
Anlage und schreibt einen vierstimmigen Satz zu „Der Herr ist gnädig und
gerecht“ mit einer ausdifferenzierten und virtuosen Bassstimme. Der Part „Ich
glaube, darum rede ich“ ist im Affekt gänzlich zurückgenommen und für lediglich
zwei Soprane und einen Bass gesetzt.
Johann Hermann Schein (1586-1630) benutzt die zu seiner Zeit
avantgardistische Form des geistlichen Madrigals. Er komponierte übrigens ein
weiteres Madrigal zu Psalm 116 für seine Sammlung „Das Israelsbrünnlein“.
Scheins Psalmvertonung weist eine sehr komprimierte und durchkomponierte Form
auf. Zudem hebt er einzelne suggestive Textstellen hervor: Das „Flehen“, die
„Stricke des Todes“ oder das „Gleiten“.
Michael Praetorius (1571-1621) komponierte mit der von Großmann
angefragten Psalmvertonung seinen „Schwanengesang“.[3] Als Meister der von
Italien inspirierten Mehrchörigkeit sieht er auch (optional) Instrumentalstimmen
und instrumentale „Sinfonien“ als Einleitung und Zwischenspiele vor. Er schickte
Großmann mit der Komposition auch eine umfangreiche Aufführungsanleitung, die
beschreibt, welche Möglichkeiten der Einsatz der Vokal- und Instrumentalstimmen
bietet, wie die Echostellen ausgeführt werden können und welche
unterschiedlichen Besetzungen denkbar seien mit dem Ziel: „So gibt es gar
eine feine Variation nicht so gar sonderlich sehr unanmutig zu hören.“
Literatur:
- Anguish of Hell and
Peace of Soul. A 1623 Collection of Sixteen Motets on Psalm 116 by Michael
Praetorius, Heinrich Schütz and Others. Edited by Christoph Wolff with Daniel R.
Melamed. In: Harvard Publications in Music, vol. 18, 1994
[1]
Wolfgang Ruf (1988): Instrumentalmusik als Klangrede. In: Funkkolleg
Musikgeschichte, Studienbegleitbrief 6, DIFF, Tübingen
[2]
E.T.A. Hoffmann, 1810
[3]
Großmann schreibt: „ (...) Inmaßen er denn kurz darauff selig verstorben und
in die himmlische Capell transferieret worden/ dass vermuthlich er nach solcher
Composition keine Noten mehr auffgesetzet/.
Liederabend: Ein Abend mit Mörike
Von Brigitte Schwarz-Stambke
„Jenseits des biedermeierlichen Idylls“ – ist ein großer Teil
der Lyrik Eduard Mörikes anzusiedeln. Schon die Mörike-Vertonungen seiner
Freunde und Zeitgenossen legen Stimmungen frei, die ganz anders klingen als
poetische Zurückgezogenheit und restaurative Beschaulichkeit, so die abgründigen
Harmonien des Komponisten
Otto Scherzer (1821-1886) Scherzer war zunächst Schüler J. Dürrners,
später lernte er in Stuttgart bei B. Molique und I. Faißt. Er wurde Geiger in
der Stuttgarter Hofkapelle und ging 1854 als Professor für Orgel- und
Ensemblespiel ans Münchener Konservatorium. 1860 bis 1877 war er als Nachfolger
Silchers Universitätsmusikdirektor in Tübingen. Scherzer und Mörike waren
freundschaftlich miteinander verbunden. „Von innen nach außen gestalten, das ist
das geheimnisvolle Grundprinzip der schaffenden Natur, es muss in der Kunst
ebenfalls zum Leitstern dienen.“ Das sind Worte des Komponisten
Robert Franz (1815-1892). Franz lebte in Halle und Dessau
und wurde 1841 als Organist an die Hallische Ulrichskirche berufen. Ein Jahr
später übernahm er die Leitung der Singakademie Halles, die er 25 Jahre lang
beibehielt. Franz war ein eigener Kopf, der sich mit seinen Bearbeitungen
Bachscher Werke, die er vehement verteidigte, schneidende Ablehnung einhandelte.
Unumstritten blieb aber seine Kompetenz im Bereich der Liedkompositionen, in
denen er ein geradezu symbiotisches Verhältnis von Text und Musik anstrebte. Zu
„Ein Tännlein grünet wo“ schreibt er an Mörike: „Der unheimliche, herrlich
motivierte Ausgang Ihrer Novelle erschütterte mich bis in’s innerste Mark, hatte
aber zugleicher Zeit Anregendes genug, um den lebhaften Wunsch hervorzurufen,
jenes mysteriöse Volkslied, das sie am Schluß mittheilen, in Musik zu setzen.
Der eherne Schritt, der mit dunklen Schauern aus den Worten hervordröhnt, hätte
für die musikalische Bearbeitung vielleicht unüberwindliche Schwierigkeiten
geboten, wäre nicht wieder ein naives Etwas wie ein zarter Schleier mildernd
über den Verlauf gebreitet. Beide Momente versuchte ich, den Volkston mit dem
Kirchenton verbindend, zu fixieren: ob es mir gelang – darüber steht besser
Andern die Entscheidung zu.“
„... ebenso hat er die Literatur der Musik angenähert, in dem er ipso facto
bewies, dass man zu gleicher Zeit ein bedeutender Musiker und doch auch ein
gewiegter Schriftsteller sein könne.“ So urteilt Franz Liszt über den
Doppelkünstler
Robert Schumann (1810-1856) Schumanns Werk ist wie kaum ein
anderes von der gegenseitigen Durchdringung literarischer und musikalischer
Eigengesetzlichkeiten geprägt. „Töne sind höhere Worte“ schreibt Schumann
ganz im Sinne der romantischen Musikästhetik über die reine Instrumentalmusik.
Andererseits erweist sich seine Musik vom literarischen Geist strukturell
geprägt. Seine Mörike-Vertonungen wurden 1849 im ersten Band der „Romanzen und
Balladen“ herausgegeben. Erlaubt sei ein politischer Blick auf die Ballade von
„Schön Rohtraut“: Der „Volkston“ des Stücks wendet sich in direkter
Verständlichkeit an „Bauern und Bürger“ (Schumann) und ist damit eine
künstlerische Realisierung der politischen Leitforderungen der Zeit. Er spiegelt
auch die in Mörikes Text vorsichtig und nur vorübergehend anklingende Aufhebung
hierarchischer Schranken.
Josef Gabriel Rheinberger (1839-1901) unumstritten in seiner
exzellenten Arbeit als Kontrapunktlehrer an der königlichen Musikschule zu
München, war als Komponist lange Zeit verkannt. Im Alter von sieben Jahren
versah der junge Rheinberger bereits den Organistendienst in seinem Heimatort
Vaduz. Von 1851 bis 1854 studierte er in München bei J. Maier, J. G. Herzog und
J. E. Leonhard und begann dort früh mit eigenständigen Kompositionen und
musikpädagogischer Arbeit.
Seine Vertonung des Mörike-Gedichts „Um Mitternacht“ beschreibt die
zauberhafte Stimmung mit meisterlichen Mitteln: Der Glockenschlag einer in
goldenen Waagschalen gemessenen Zeit, der Gegensatz zwischen der mythisch
überhöhten „gelassenen“ Nacht und den keck hervorsprudelnden Eindrücken des
gewesenen Tages, der Augenblick des Übergangs von einem Tag zum anderen in einem
Moment der vollkommenen Balance – finden sich in Rheinbergers Tonsprache
sensibel und reflektiert umgesetzt.
Hugo Distler (1908-1942) schuf mit dem Mörike-Chorliederbuch
eine der bedeutendsten Sammlungen von Mörike-Vertonungen. „Was mich als
Chorkomponist gerade zu Mörike hingezogen hat, ist zunächst seine innerhalb des
19. Jahrhunderts, ja überhaupt in der neueren Zeit einzig dastehende elementare
rhythmische Kraft und Freizügigkeit, und daneben jene in hohem Maße an das alte
deutsche Volkslied gemahnende Objektivierung des poetischen Gehalts durch die
künstlerische Formung, die sich (...) durchaus mit inniger Subjektivität und
charaktervoll eigenständiger Prägung in jedem einzelnen Fall vereinen lässt.“
Die „elementare rhythmische Kraft und Freizügigkeit“ kommt besonders
eindrucksvoll im schaurig-düsteren „Feuerreiter“ zum Tragen. Distlers
Musik galt ab 1934 als „entartet“. Vereinsamung und Lebensangst trieben ihn 1942
in den Freitod.
Dvoráks D-Dur Messe op. 86 – Versöhnung einer Kontroverse
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Von Brigitte Schwarz-Stambke
Zurück zu Palestrina!
So lautete im 19. Jahrhundert die Devise einer einflussreichen
kirchenmusikalischen Bewegung. Nach Jahrzehnten der Aufklärung und den damit
verbundenen Säkularisierungs-tendenzen im Gottesdienst wollte man zurück zu
einer liturgisch „reinen Tonkunst“:
„Ein Priester auf der Kanzel soll also nicht jubeln, wie ein
Herold, welcher durch Siegesnachrichten das Volk freudetrunken machen will;
nicht gegen das Laster eifern, wie die Wuth eines Beteiligten; nicht süß und
lieblich seyn, wie die weltliche Zärtlichkeit; nicht wimmern und klagen, wie
die schwache Menschheit (...) Dieses Ideal,
welches einem Priester stets vorschweben sollte, muss nun auch das Ideal
tüchtiger Tonkünstler seyn, wenn sie in der Kirche zu ihrem Zweck dienen und
nicht bloß das Kirchengebäude als den Ort behandeln wollen, wo sich alles
hören lassen kann, was auf diese, oder jene Art den Ohren schmeichelt.(...)
Ich würde es also für unverzeihlich halten, wenn aus frommen Gesängen von
Palestrina nur ein einziger Tact in ein Opernstück aufgenommen werden könnte;
aber abscheulicher wäre es auch dagegen, wenn in einer Messe nur das kleinste
vorkäme von der genialen Leichtfertigkeit, wodurch sich Mozart’s Figaro auf
eine, fast einzige Art auszeichnet.“
(Anton Friedrich Justus Thibaut, Über Reinheit der Tonkunst,
Heidelberg 1825, endgültige Fassung bei der zweiten Auflage
1826)
Der Cäcilianismus à la Thibaut (benannt nach der hl. Cäcilia,
Schutzpatronin der Musik) lehnte vor allem die Messen Mozarts und Haydns wegen
ihrer „Leichtfertigkeit“ ab und polemisierte gegen die großen Konzertmessen,
z.B. die „Missa Solemnis“ Beethovens, die mit ihrer ausufernden Länge den
liturgischen Rahmen sprengt, eher für den Konzertsaal gedacht war und deswegen
weltliche und geistliche Anliegen miteinander vermischte. Im Gegenzug bemühte
man sich um a capella Literatur, forderte Textverständlichkeit (Fugen waren
wegen der darin unvermeidlichen Wortwiederholungen verboten!), pflegte Choräle
und schlichte Polyphonie und verlangte Strenge und Objektivität des Ausdrucks.
Als Ideal galt die Musik Palestrinas, der man sich nun mit
historisch-wissenschaftlichem Interesse zuwandte – nicht frei von philologischen
Missverständnissen übrigens. Die Kompositionen wurden auch deshalb als „ernst“
und „würdig“ empfunden, weil man die Semibreven und Minimen der alten Notation
als ganze und halbe Noten las und damit grundsätzlich zu langsam sang.[1]
Dilettantische Musizierfreude, (der „Dilettant“ war im 19. Jahrhundert
durchaus kein Schimpfwort) die in zahllosen Sängervereinigungen und kirchlichen
Laienchören Betätigung suchte, verlangte nach aufführbaren Werken – der
Cäcilienvereinskatalog verzeichnete die von der Bewegung wohlgelittenen
zahlreichen Gebrauchskompositionen. In vielen Fällen stand allerdings die
liturgische Redlichkeit im Vordergrund – auf Kosten des künstlerischen Wertes
oder gar der Regelhaftigkeit einer Komposition. Ein großer Orchesterapparat war
als Bestandteil einer Messkomposition verpönt, bei den Extremisten der Bewegung
allenfalls die Orgel erlaubt.
Doch nicht alle Komponisten teilten diese Auffassung: „Die Kirchenmusik „sei
weihevoll, stark und wirksam, sie vereinige in kolossalen Verhältnissen Theater
und Kirche, sie sei zugleich dramatisch und heilig, prachtentfaltend und
einfach.“ (Franz Liszt, Über die zukünftige Kirchenmusik, Leipzig 1834) Hier
dogmatische Selektion unter dem problematischen Kriterium der „Reinheit“, dort
die mystisch-esoterisch anmutenden Entgrenzungen romantisch-religiösen
Überschwangs – irgendwo zwischen diesen beiden Polen mussten Komponisten
spätromantischer Kirchenmusik Position beziehen.
Dvoráks Messe D-Dur op. 86 (1887) ist ein Auftragswerk des Präsidenten
der tschechischen Akademie der Wissenschaften, Josef Hlávka. Dieser besaß ein
Landgut in Luzany bei Pilsen und hatte die Messe zur Einweihung seiner privaten
Schlosskapelle gewünscht.
Eher zufällig, weil den Grenzen der äußeren Bedingungen Rechnung tragend,
bedient Dvorák mit der D-Dur Messe einige Ideale des Cäcilianismus (zum Beispiel
mit der Beschränkung auf die Orgel anstelle eines voluminösen Orchesters) und er
schreibt in einem Brief an seinen Auftraggeber, wie fremd ihm das zunächst
ist:
„Schließlich danke ich auch Ihnen, dass Sie mir die Anregung gegeben
haben, das Werk in solcher Form zu schreiben, sonst hätte ich kaum jemals
daran gedacht; denn bisher habe ich Werke ähnlicher Art nur in großen Ausmaßen
und mit großen Mitteln geschrieben. Diesmal habe ich aber nur mit bescheidenen
Hilfsmitteln geschrieben und traue mich doch zu sagen, dass mir die Arbeit
gelungen ist.“
Abgrenzung ist offenbar nötig; und es ist in dieser Zeit bezeichnend, dass
Dvorák im gleichen Brief Vorbilder benennt, den Namen Palestrina dabei
aber vermeidet: „...ich denke, es ist ein Werk, das seinen
Zweck erfüllen wird. Es könnte heißen: Glaube, Hoffnung und Liebe zu Gott dem
Allmächtigen und Dank für seine große Gabe, die mir gestattete, dieses Werk zum
Preis des Allerhöchsten und zur Ehre unserer Kunst glücklich zu beenden.
Wundern Sie sich nicht, dass ich so gläubig bin – aber ein Künstler, der es
nicht ist, bringt nichts zustande. Haben wir denn nicht Beispiele an Beethoven,
Bach, Raphael und vielen anderen?“ Ausgerechnet Beethoven erscheint hier an
erster Stelle!
Weder der Komposition, noch Dvoráks eigenem Anliegen wird man daher gerecht,
wenn man allein die „lyrische Intimität“, die „pastorale Färbung“ oder die
„religiöse Naivität und Schlichtheit“ und das „slawisch-volkstümliche Melos“ der
D-Dur Messe hervorhebt. Auch wenn das Werk „eher von lyrischer Meditation als
von dramatischer Unmittelbarkeit“ (Thomas Kohlhase, Tübingen) gekennzeichnet
ist, gibt es weit angelegte Steigerungsbögen (Quoniam tu solus sanctus) eruptive
Dissonanzen (Crucifixus), Fanfaren (Gloria), ein triumphierendes „Sanctus“ und –
Fugen (Et iterum venturus est). Dvorák fand damit einen anderen Weg, Thibauts
Ideal einer „mäßigen, ernsten, würdigen“ Kirchenmusik zu verwirklichen. Die
D-Dur Messe ist geprägt von einem bewussten Umgang mit den äußeren Bedingungen
des Kompositionsauftrags und der darin dennoch kunstvoll angelegten und
hauptsächlich nach innen gerichteten künstlerischen Intensität.
[1] Trotz
dogmatischer Engstirnigkeit verdanken wir dem Cäcilianismus letztlich das
Bewusstsein für den Wert alter Musik. In dieser Bewegung liegt der Grundstein
für historisch-wissenschaftliche Forschung und die Pflege der a capella Musik in
Laienchören.
Andrea Wahl (Stimmbildung)
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Die Altistin Andrea Wahl wurde 1970 in Schwäbisch Gmünd geboren. Von 1993 bis
1998 absolvierte sie ihr Gesangstudium an der Musikhochschule Freiburg bei Prof.
Beata Heuer-Christen und Friederike Dästner und war Mitglied der dortigen
Opernschule. Studien darüberhinaus führten sie nach Bern (Prof. E. Glausner) und
Stuttgart (Prof. Wayne Long). Es folgten Meisterkurse bei Reinhard Goebel und
erste CD-Einspielungen mit dem Ensemble Musica Antiqua Köln. Seitdem arbeitet
sie mit namhaften Ensembles und Orchestern zusammen (Gächinger Kantorei,
Dresdner Kapellsolisten, Aureliussängerknaben Calw, SWR-Ensemble…) und mit
Dirigenten wie Helmut Rilling, Heinz Holliger, Peter Schreier und Marcus Creed.
Seit 1999 ist Andrea Wahl als freischaffende Sängerin tätig und auf dem
Konzertpodium ebenso zuhause wie auf der Opernbühne. Andrea Wahl ist
Stipendiatin der Internationalen Bachakademie Stuttgart und widmet sich mit
großer Verbundenheit dem Bachschen Kantatenwerk und seinen
Passionen.
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Christian Stähr
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Stähr wuchs in Preetz/Holst. auf, wo er zunächst Klavier- und später
Orgelunterricht von KMD Detlef Schmidt erhielt. Nach Abitur, Zivildienst und
einem Praktikum in der Kirchenmusikalischen Fortbildungsstätte Schlüchtern
studierte er seit 1997 an der Musikhochschule Stuttgart Evangelische
Kirchenmusik (B) und Musikpädagogik, Orgel bei Prof. Jon Laukvik. Nach
Beendigung der beiden Diplomstudiengänge im Februar 2003 setzt er sein Studium
mit dem Aufbaustudiengang Kirchenmusik (A) fort, Orgel bei Prof. Bernhard Haas.
Zusätzlich studiert er seit April 2004 Historische Tasteninstrumente bei Prof.
Jon Laukvik. Daneben konzertiert er solistisch, als Begleiter von Chören, in
Kammermusik-Ensembles und in Orchestern. Seit Studienbeginn ist er
nebenamtlicher Kirchenmusiker an der Ev. Wallmerkirche in
Stuttgart-Untertürkheim. Er unterrichtet regelmäßig als Dozent an der
Kirchenmusikalischen Fortbildungsstätte Schlüchtern und arbeitet mit bei den
Deutschen Schülerakademien des Vereins Bildung und Begabung e. V., Bonn. Im
September 1999 war Christian Stähr Preisträger beim "VI. Internationalen
Orgelwettbewerb der Hansestädte" in Elburg/NL. Im Sommer 2002 erschien mit
seiner deutsche Übersetzung die "Introduction to Organ Playing in the 17th and
18th Century Style" von John Brock in einer zweisprachigen Ausgabe bei Wayne
Leupold Editions, die damit die erste deutschsprachige Orgelschule ist, mit der
die historische Spielweise für den Anfängerunterricht erschlossen
wird.
Benoît Haller
Benoit Haller
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Nach ersten Chorleitungsstudien bei Erwin List und Florent Stroesser im
Elsass, sowie bei Pierre Cao in Metz studierte Benoît Haller Chor- und
Orchesterleitung bei Prof. Hans Michael Beuerle an der Musikhochschule Freiburg
im Breisgau. Im Januar 1996 schloß er dieses Aufbaustudium mit Auszeichnung ab.
Parallel dazu erhielt er ab 1994 Gesangsunterricht bei Hélène Roth in
Strasbourg. 1997 nahm er, wiederum an der Musikhochschule Freiburg, ein
Gesangsstudium bei Prof. Beata Heuer-Christen auf, und wurde Mitglied der
Opernklasse von Prof. Gerd Heinz sowie der Liedklasse von Prof. Hans Peter
Müller. Im Juni 2000 sang er die Rolle des Ferrando in Mozarts Così fan tutte,
im Juni 2002 die Titelpartie von Benjamin Brittens Albert Herring, womit er sein
Studium beendete. Meisterkurse bei bedeutenden Künstlern wie Eric Ericson und
Kurt Widmer vervollständigen eine breitgefächerte Ausbildung.
Während
seiner Studienjahre führten ihn zahlreiche Tourneen mit professionellen
Ensembles durch ganz Europa, nach Hong-Kong, Australien, Korea, in die Ukraine
und die Vereinigten Staaten von Amerika.
Als Solist nahm Benoît Haller an
vielen Konzerten und Aufnahmen unter renomierten Dirigenten teil, wie Philippe
Herreweghe, Frieder Bernius, Konrad Junghänel, Peter Neumann, Hans Michael
Beuerle, oder Jean-Claude Malgoire. Seit 2002 ist er Mitglied des
Balthasar-Neumann-Chores unter Thomas Hengelbrock.
Parallel zu seiner
Solistenkarriere widmet sich Benoît Haller der Ensembleleitung als Gastdirigent,
und gibt Unterricht in diversen internationalen Kursen.
Zur
Homepage von Benoît Haller
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Balsam für die Stimme: Andrea Wahl betreute Winternachtskonzert

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Damit der gute Ton auch stimmte, hat der Kammerchor die Göppinger Altistin
Andrea Wahl als Stimmbildnerin für das Winternachtskonzert engagiert
gehabt. Sie singt für das berühmte SWR-Vokalesemble und ist Stipendiatin
der Internationalen Bachakademie Stuttgart. [mehr] |
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